Johann Bossard: Exlibris Alfred Gotendorf, 1902

Lithografie, WVZ Lebelt 2015, C4, http://werkverzeichnis.bossard.de/heron-art/exlibris-dr-alfred-n-gotendorf

Johann Bossard äußerste sich einmal zur Kritik eines Zeitgenossen, es sei eine „unglaubliche Beleidigung, ein kleines Exlibris besser zu nennen als die gesamte andere Graphik“ (Brief vom 14.2.1910 an Emil Hegg). Folglich rechnete der Künstler den Bucheignerzeichen eher einen geringen Stellenwert zu. Dabei fand die Gattung Exlibris (lateinisch: "aus den Büchern") am Anfang des 20. Jahrhunderts in der europäischen Gesellschaft, vornehmlich im gebildeten Bürgertum, eine weite Verbreitung. Die Identität des Buchbesitzers auf den kleinen druckgrafischen Blättchen ergibt sich aus der Namensnennung oder durch ein Wappen, Initialen oder eine allegorische Darstellung. Die meisten tragen zusätzlich die Aufschrift "Ex Libris" und werden in der Regel an der Innenseite des Buchvorderdeckels eingeklebt. Exlibris waren ein beliebtes Geschenk und Sammlerstück für Bekannte und Freunde, denn sie konnten trotz hoher Auflage sehr preisgünstig angefertigt werden.

Bossard entwarf Exlibris nur auf Wunsch von Auftraggebern. Seine kleinen druckgrafischen Blättchen enthalten äußerst dekorative und künstlerisch tiefgreifende Sinnbilder, Metaphern und Symbole, die die Persönlichkeit oder Profession des Besitzers wiedergeben sollten. Auch das Exlibris von Dr. Alfred N. Gotendorf aus Niederlössnitz bei Dresden ist eine Auftragsarbeit. Gotendorf beauftragte Bossard 1902 damit, Bucheignerzeichen für sich und auch für seine Frau anzufertigen. Auf dem Blatt hält ein schreitender weiblicher Akt einen Blütenzweig in beiden Händen. Hinter dem Kopf der Frau schwebt ein monumentales aufgeblättertes Buch auf Wolken. Die Figur könnte dem Buch entstiegen sein. Aus dem Buch entrollt sich ein Lesebändchen mit dem Schriftzug "EX-LIBRIS". Die Darstellung wird durch den Namen des Besitzers am unteren Rand abgeschlossen. Gotendorfs literarisches und künstlerisches Interesse spiegelt sich in der Darstellung. Er gab verschiedene Bücher heraus, unter anderem auch zusammen mit Hugo Hayn die „Bibliotheca Germanorum Erotica et Curiosa“ (München 1912, 12 Bd.). Möglicherweise war dieses „Verzeichnis der gesamten deutschen erotischen Literatur“ 1902 bereits in Vorbereitung und Johann Bossard spielte mit der Kombination aus Buch und Akt auf das Projekt an.

Einen Blick auf Bossards Exlibris und sein gesamtes druckgrafisches Schaffen können Sie im Online-Werkverzeichnis der Druckgrafiken werfen:

http://werkverzeichnis.bossard.de