Johann Bossard: Flora, o.J. (1949?)

In diesem Werk zeigt sich Johann Bossard als gereifter, zur Ruhe gekommener Künstler, der seinen bewegt-expressiven Malstil der 1920er-Jahre überwunden hat und zu einer zunehmend harmonisierten Ausdrucksweise gekommen ist. Das eher kleinformatige Bild (79 x 49 cm) hat Jutta Bossard auf das Jahr 1949 datiert. Das Gemälde würde demnach zu den letzten Arbeiten des Künstlers gehören, der ein Jahr nach dessen Entstehung in seinem Haus in der Lüneburger Heide verstarb.

 

Farbsymbolisch ist dieses Bild stark aufgeladen. Bossard verwendet hier die drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau, die – so der Zeitzeuge Harald Wohlthat – auf die drei Ebenen des menschlichen Daseins verweisen: Rot auf den Körper, Gelb auf den Geist und Blau auf die Seele. Ergänzt wird die Farbpalette in diesem Bild nur durch wenige Mischfarben.

 

Das Bild zeigt eine idealisierte Frauenfigur im Dreiviertelprofil. Sie hat ihre Arme vor der Brust gekreuzt und neigt ihren Kopf nach schräg vorne, ihr friedlicher Blick ist nach unten gerichtet. In ihren Händen hält sie viele, allerdings nicht eindeutig erkennbare Blüten. Insgesamt scheint ihr wohl nackter Leib davon übersät zu sein, als trüge sie ein Blütenkleid. Dieser Bereich ist überwiegend gelb mit weißlichen Anklängen. Ihr leicht ins Grünliche gehender, verschattet wirkender Kopf ist gerahmt von rotem Haar, das jedoch nicht als dominierend empfunden wird. Kopf und Körper umgeben eine weiße und blaue Aura. Diese Frauenfigur strahlt Ruhe und sanfte Anmut aus und lädt den Betrachter zur Kontemplation ein.

 

Wie auch bei der Hesperide wählt Bossard für dieses Bild ein mythologisches Motiv, das möglicherweise erst nachträglich als Flora benannt wurde. Eine Anregung dazu mag ihm die Flora aus Sandro Botticellis Primavera von 1482/87 gewesen sein. Die Flora war seit der Antike ein beliebtes Sujet in der Kunst. Zumeist wurde sie als junge, mit Blumen geschmückte Frau dargestellt. Überlieferungen bestehen in Form von Statuen, Reliefs und Wandmalereien. Sie wird auch als Flora Mater bezeichnet und gehört zu den ländlichen Fruchtbarkeits- und Vegetationsgottheiten, vor allem die der Blumen und Pflanzen, der Erde, des Getreides und Ackerbaus. Sie gilt aber auch als die Göttin der Jugend und der Schwangerschaft.

 

Inhaltlich passt dieses Bild zu dem von Bossard immer wieder dargestellten Themenkreis um das „Werden und Vergehen“. Darstellungen mit gleichem oder ähnlichem Bildinhalt finden sich unter anderem auch in der den Frühling darstellenden Frauenfigur der Skulpturengruppe Die vier Jahreszeiten sowie in dem von Harald Wohlthat bezeichneten Bild Der Fruchtbarkeitskult, das die dritte Tafel des Bilderbuchs ist und ebenso eine idealisierte, mit Blumengirlanden geschmückte nackte Frauenfigur zeigt.