Johann Bossard: Das Tragikomische Labyrinth: Hohe Schule

1944–46, Bleistift und Kohle auf Karton, 74 x 102 cm, Kunststätte Bossard, Inv.-Nr. JB 986

Im Jahr 1944 wird Johann Bossard von seiner Professorenstelle für Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld in Hamburg pensioniert.  Darauf durchlebt der über 70jährige Künstler an der Kunststätte Bossard zwischen 1944 und 1949 – in den letzten Jahren des Krieges und den harten Nachkriegsjahren – eine letzte große, intensive Schaffensphase. Die Kohlezeichnung Hohe Schule von Bossard ist Teil eines fast 164 Gemälde und  Grafiken umfassenden Zyklus, dem der Künstler sich in diesen letzten Jahren seines Lebens widmete. Den Zyklus unterteilte er in zwölf sogenannte Kreise. Die einzelnen Kreise zeigen verschiedene Kulturepochen, aber auch mythologische und religiöse Themen im Kontext eines großen Weltgeschehens, das bis in die jüngste Gegenwart reicht. Einige der Arbeiten lassen die tiefe Erschütterung des Künstlers durch die aktuellen historischen Ereignisse erkennen und können als direkte Reaktionen auf diese gedeutet werden.

In dem 18 Tafeln umfassenden Tragikomischen Labyrinth überrascht Bossard mit bärbeißig-humorvollen, karikaturistischen Darstellungen, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Bossards humorvolle Kritik an der Gesellschaft wird im Tragikomischen Labyrinth am wirksamsten, wenn er Tieren das Verhalten und die Eigenschaften von Menschen verleiht.

Auf dem Blatt Hohe Schule bemüht sich ein überdimensioniertes Dromedar auf einem Einrad, auf einer Erdkugel das Gleichgewicht zu halten. Dies wird durch die dem Vierbeiner eigene Körpermotorik und eine Schar geflügelter Putten erschwert. Die Putten zerren mithilfe von Seilen in verschiedene Richtungen am Hals des Tieres. Der Blick des Dromedars ist wider Erwarten nicht besorgt oder gar panisch, sondern scheint unbekümmert, gelassen und träge. Mit Hohe Schule führt Bossard die vermeintlich vollkommene Beherrschung einer Disziplin ad absurdum. Weiter gedacht findet der Künstler für den Irrsinn menschlichen Handelns ein originelles Bild.

Hohe Schule ist in der aktuellen Sonderausstellung „Über dem Abgrund des Nichts“ Die Bossards in der Zeit des Nationalsozialismus an der Kunststätte Bossard zu sehen.

Foto: Irrgang, Hamburg