Johann Bossard: „Hesperide“ (1948) (JB 0302)

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren für die Bossards in der Lüneburger Heide eine Zeit voller Sorgen und Entbehrungen. Es mangelte eigentlich an allem, besonders aber an Heizmaterial und Lebensmitteln. Das machte sich bei den Heidebewohnern auch gesundheitlich bemerkbar: Johann Bossard litt vermehrt an Sehstörungen und ließ sich wegen einer wiederholt auftretenden Bronchialerkrankung zweimal röntgen. Jutta Bossard hielt sich unter anderem wegen einer Nierenbeckenentzündung für einige Wochen im Krankenhaus auf.

 

In dieser Zeit erwies sich die langjährige Freundschaft zum Schweizer Mäzen Emil Hegg als besonders kostbar. Er versorgte das Künstlerehepaar mit regelmäßigen Lieferungen von Lebensmitteln, Kaffee und Medikamenten. Sogar als Jutta Bossards Schwester Wilma sich gleich mehrere Zähne ziehen lassen musste, sprang Hegg ein und schickte aus der Schweiz Zahnersatz.

 

Die Entstehung der Hesperide

Frisches Obst gab es damals fast gar nicht. Und wenn doch, dann zu horrenden Preisen. Am 16. März 1948 schrieb Johann Bossard an Hegg: „Ich habe ein starkes Bedürfnis nach Citronen & Orangen & wäre froh, wenn ich Extrakte für Limonade bekäme.“ Kurz darauf schickte Hegg ihm ein Paket mit Orangenschalen.

Einen Monat später reiste Jutta Bossard für eine ärztliche Untersuchung in die Schweiz und kam einige Wochen später, „bepackt wie ein Weihnachtsmann“, unter anderem mit vier Kilogramm Orangen im Gepäck zurück. Die Freude darüber war bei dem Künstler so groß, dass er diese umgehend in einem Bild festhielt. Jutta Bossard berichtete: „In meinem Empfang hatte Johann mich mit einer Orange in der Hand gemalt: so sehr hatte er sich nach den Früchten gesehnt.“

 

Das Ergebnis war jedoch nicht etwa ein reales Porträt der Ehefrau, sondern eine aus der griechischen Mythologie entlehnte Figur, eine Hesperide, wie auch der Titel der Arbeit besagt. Dargestellt ist eine Halbfigur in Grüntönen mit einer goldorangenen Frucht in der Hand. Der antiken Sage nach bewachten die  Hesperiden einen Baum mit goldenen Äpfeln, den die Erdenmutter Gaia Zeus und Hera zur Hochzeit geschenkt hatte. Die goldenen Äpfel, die man später als Orangen identifizierte, sollten dem Paar ewige Jugend, Schönheit und Klugheit verleihen.

 

Die „Hesperide“ ist eines der wenigen Beispiele dafür, dass Bossard in Ausnahmefällen auch konkrete Anlässe des persönlichen Bereichs zum Gegenstand seiner Malkunst machte. Barbara Djassemi