Brunnenfigur "Mutter mit Kind", Gipsmodell, 1904

Brunnenfigur „Mutter mit Kind“, Gipsmodell, 1904

Ende 1903 erhielt Johann Bossard den Auftrag, die Grabkapelle der Berliner Familie Francke plastisch auszugestalten. Auf dem Gebiet der Bildhauerei war dies für den 29-jährigen Künstler der Durchbruch – auch in finanzieller Hinsicht. „Während der Ausführung dieses Auftrages entstanden mehrere Plastiken für farbiges Steinzeug, Brunnengruppen, Schmuckterrakotten und kleine Bronzen“, schrieb der Künstler im November 1906 in dem Entwurf zu seinem Bewerbungsschreiben für die Hamburger Kunstgewerbeschule, an der er dann von 1907 bis zu seiner Pensionierung 1944 das Fach Bildhauerei unterrichtete.

Zu den erwähnten Arbeiten gehört auch die Brunnenfigur Mutter und Kind, deren 120 cm hohes Gipsmodell sich im Schaumagazin der Kunststätte Bossard befindet. Die seitlich angebrachte Jahreszahl 1904, mit partiell ligierter Signatur „JBossard“, bestätigt die Übereinstimmung mit der biografischen Angabe.

Die dem Jugendstil nahestehende Figurengruppe bringt die ideale Mutter-Kind-Beziehung zum Ausdruck. Diese ist geprägt von Liebe, Innigkeit und Vertrauen: Das kleine Kind steht mit seinem linken Bein auf dem Oberschenkel der sitzenden Mutter, mit dem rechten auf einem Ball. Die linke Hand ruht, nach hinten greifend, auf ihrem Oberarm; mit der rechten Hand berührt es – eher zärtlich berührend als umfassend – das Kinn der Mutter. Den wackeligen Stand des Kindes festigt sie, indem sie mit der einen Hand seinen Bauch und Oberschenkel stützt und mit der anderen fest den Ball umschließt. Beide Figuren haben geschlossene Augen, ihre Köpfe sind in eine Richtung, leicht nach unten links gerichtet.

Der Moment des grenzenlosen ‚blinden‘ Vertrauens bestimmt hier das Verhältnis von Mutter und Kind. Das Mutter/Kind-Motiv wird bei Johann Bossard immer wieder gattungsübergreifend aufgegriffen. In seinem Werk ist es ein fester Bestandteil des zentralen Themas um das Werden und Vergehen, wobei die Mutter (die Frau) stellvertretend für das Lebensspendende, das Werdende steht. Neben dem starken emotionalen Ausdruck der Figuren ist auch die sorgfältige Ausführung des ornamentierten Gewandes, das auf einem um die Gruppe führenden Fries in Form eines  „laufenden Hundes“ ausläuft, erwähnenswert. Bei genauer Betrachtung entpuppt sich das Muster als eine Ansammlung zahlreicher, unterschiedlicher Tierköpfe – unter anderem Löwe, Vogel, Wolf, Kuh, Pferd und Elefant auf der Vorderseite, Steinbock, Ziegenbock, Schlange, Hund, Katze, Eule und auch ein kleiner Drache auf den Seiten. Für eine spätere Ausführung musste der Bildhauer bei der Gestaltung auch an die Öffnungen für die Wasserröhren denken, die er in dem umlaufenden Fries einarbeitete.

​Nach seinem einjährigen Italienaufenthalt hatte Johann Bossard 1906 das Gipsmodell Mutter und Kind von Richard Mutz in Keramik ausführen lassen. Der älteste Sohn des Hamburger Töpfermeisters und Ofenfabrikanten Hermann Mutz war 1904 aus der väterlichen Werkstatt in Altona ausgetreten und hatte in Berlin-Wilmersdorf eine eigene keramische Werkstatt gegründet. Bekannt wurde Mutz durch seine halbmatten Laufglasuren, die, durch ein besonderes Verfahren aufgebracht, zufällige Farbergebnisse auf den Oberflächen erzielten. Auch andere Bildhauer, wie zum Beispiel Ernst Barlach, schätzten die Qualität der innovativen Keramiken von Mutz und arbeiteten mit ihm zusammen.

Ende 1906 erhielt Bossard von Berlins renommiertestem Innenausstatter Kimbel & Friederichsen, der auch für Kaiser Wilhelm II. und vor allem für das wohlhabende Bürgertum arbeitete, den Auftrag, einen Brunnen anzufertigen mit „1 Schale aus Marmor, 1 Sockel mit Masken und 1 Figurengruppe“. Ein Foto aus dem Nachlass lässt annehmen, dass die Arbeit auch zur Ausführung gekommen ist.

Barbara Djassemi