Johann Bossard: Erster Tempelzyklus, o.J. (um 1927)

Petra Diehl

 

In seiner Werbeschrift von 1925 kündigt Johann Bossard für den geplanten Kunsttempelbau drei Bilderzyklen an: „Die Welt des Vororganischen“, „Die Halle des Kampfes“ und „Die Halle der Geisteskämpfe“.

Noch während der Fertigstellung der festen Ausstattung des Tempelinnern malt er bereits ab dem Frühjahr 1927 auf neun großformatigen Leinwänden den so genannten Ersten Tempelzyklus. Historische Fotografien belegen, dass die Bilder direkt im Tempel entstanden sind und dass Bossard für die Bemalung der fünf Meter hohen Leinwände einen Leiterwagen benutzte.

 

Es verwundert, dass die Bilder die gesamte Fläche der Ost-, Süd-, und Westwand einnehmen und dabei auch die schmalen, hohen Fenster verdecken und dass dieser Bilderzyklus durch Johann Bossard nie gehängt, sondern nur provisorisch auf die im Tempel jeweils an den Seiten fest installierten Truhen gestellt wurde. Der Grund ist ganz einfach: Von der ersten Skizze bis zum Tempel, wie der Besucher ihn heute vorfindet, hatte Bossard mehrmals die Pläne dafür geändert; überwiegend aufgrund finanzieller Engpässe, die in der Folge auch den Spielraum seiner künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten stark beeinflussten.

In der frühen Planung um 1923 sollte zunächst ein kubischer zentraler Raum, der „Saal der Tat, also des Kampfes“, wie Bossard ihn in einem Brief an seinen Schweizer Mäzen und Freund Emil Hegg bezeichnete, noch von Seitenräumen umschlossen werden. Der Hauptraum sollte nur „Oberlicht mit Glasmalerei“ haben. Diese Licht- und Raumsituation findet sich bei der Aufstellung des Ersten Tempelzyklus wieder. Untermauert werden kann diese Vermutung auch dadurch, dass durch das von oben kommende Licht lediglich die von Bossard hell angelegten oberen Bildregionen beleuchtet werden, während die darunter, bereits dunkel angelegten liegenden Bereiche im Dunkeln bleiben.

 

Der erste Tempelzyklus zeigt drei Themen, die je aus drei Leinwänden bestehen. Bereits 1923 umreißt Bossard den Inhalt mit dem „Kampf der Welten, Völker und Geister“. Als zentraler Bildkomplex gelten die drei für das Thema Religion stehenden, später als „Kreuzigung“ oder „Kreuzweg“ bezeichneten Leinwandgemälde der Südwand, die von dem von der Nordseite eintretenden Besucher als erstes und als wichtigste Bildgruppe wahrgenommen werden. Im Mittelbild zeigt Bossard den christlichen Glauben - sowohl den Moment der Kreuzigung als auch die Auferstehung direkt darüber. Flankiert wird das Hauptbild auf der linken Seite von einer Darstellung des Gottes Indra auf seinem heiligen Elefanten Airavata. In der vedischen Religion, der ältesten Religion Indiens, ist Indra der höchste kriegerische Gott des Himmels. Er hält den Donnerkeil in der Hand, mit dem er Dämonen tötet. In der alten vedischen Religion glaubte man an ein Weiterleben nach dem Tod in Form von Geistern. In Bossards Darstellung finden die Menschen ihre Erlösung von dem schmerzhaften Dasein auf der Erde, indem sie sich von dem heiligen Elefanten tottrampeln lassen. Auf der rechten Seite weist der Künstler auf den altägyptischen Isis- und Osiriskult hin – Isis und Osiris als die wichtigsten Götter der Unterwelt, die Fruchtbarkeit und die ewige Wiederkehr des Lebens garantieren sollten.

An der Ostwand zeigt Bossard mit dem weißen und schwarzen Reiter samt Gefolge den „Kampf des Lichtes und der Finsternis“, der auch als „Kampf der Asen gegen die Wanen“ bezeichnet wird und im Allgemeinen die stete aufreibende Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse und im Speziellen auch die unterschiedlicher Kulturen oder Völker meinen könnte. Auf der Westwand schließlich kämpfen die Menschen mit den Naturgewalten Feuer und Wasser und mit der Natur in Form von wilden Tieren. Den Untergang stellt Bossard mit einem zerberstenden Schiff dar, von dem sich die Menschen verzweifelt zu retten versuchen.

 

Während die Darstellungen der Ost- und Westwand den menschlichen Daseinskampf zum Ausdruck bringen, wird dem Betrachter mit den auf der Südwand dargestellten heilversprechenden Religionen verschiedener Kulturkreise eine mögliche Zuflucht aufgezeigt.

Der Erste Tempelzyklus ist heute in Teilen im Schaumagazin der Kunststätte Bossard in Jesteburg an ausgewählten Terminen zu besichtigen. Im Kunsttempel ist seit 2009 der Zweite Tempelzyklus installiert. Barbara Djassemi

 

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