Göttinnen-Triade: Maja, Rida, Andra,1920 (JB 3877, 3876,1664)

Im September 1920 schrieb Johann Bossard an seinen Schweizer Mäzen, den Augenarzt Emil Hegg: „(…) die blaue „Andra“ ist am besten geworden! Die andern Bilder mässig & Der gelbe Viergewalt noch schlechter als der schon in Ihrem Besitz befindliche. Vielleicht tun die 4 zusammen aber eine gewisse Wirkung.“  

 

Der zur Selbstkritik fähige Künstler –  zumindest was die Ausführung seiner Bilder anging – wusste, dass sein schnelles Malen ab und an auf Kosten der Qualität ging. Und auch Jutta Bossard war wohl von den beiden anderen Gemälden nicht überzeugt, denn sie stellte später zwar die „Andra“ in der Kleinen Galerie, dem ehemaligen umgebauten Stallgebäude und heutigen Büroraum der Kunststätte aus, nicht aber die „Rida“ und die „Maja“ (Schreibweise mit „j“ von Jutta Bossard).

 

Ob der Witwe des 1950 verstorbenen Künstlers überhaupt bekannt war, dass diese drei Bilder, die das gleiche Format und die gleichen Rahmen haben, zusammengehörten und eine Einheit bildeten, kann heute nicht mehr mit Gewissheit gesagt werden. Sie selbst datierte diese etwas zu früh auf 1916, in ein Jahr, als Bossard als Landsturmmann in den Krieg eingezogen wurde und er seinen neuen Malstil, einen gemäßigten Expressionismus, in dem abstrakte Farbfelder und kristalline Formen die dargestellten Figuren umgeben, noch nicht gänzlich entwickelt hatte.

 

Wie eigentlich alle Kunstwerke des Künstlers ist auch diese weibliche Dreiergruppe symbolisch zu verstehen. Die Figuren der „Rida“ und „Andra“ sind dabei keiner eindeutigen Mythologie zuzuordnen; bei der „Maja“ oder „Maya“ schwankt man zwischen der römischen jungfräulichen Frühlingsgöttin, einer von sieben griechischen, in den Himmel versetzten (ebenso jungfräulichen) Plejade (dort: Maia) oder einem Begriff der indischen Philosophie (Maya).

 

Allerdings ist es wahrscheinlich, dass Bossard hier eine Göttinnen-Triade zeigt, wie sie in vielen unterschiedlichen Kulturkreisen seit jeher auftraten. Die dreifachen Gottheiten standen dabei häufig für die Lebenszyklen des Menschen und Fruchtbarkeitszyklen der Natur, die dem Themenschwerpunkt Bossards, dem Werden und Vergehen, entsprechen. So könnte dann die „Maja“ für die jungfräuliche Heranwachsende, die „Rida“ für die fruchtbare Mutter und die „Andra“ für die alte Frau, die Botin des Todes, gedeutet werden. Die unterschiedlichen Altersstufen bzw. Daseinsaspekte der Dreiergruppe werden nicht konkret dargestellt, sondern durch die bewegte Körperhaltung und den farblichen Kontext. Die Frauen stehen nicht starr, sie knien mit einem Bein, das andere bereit für ‚den nächsten Schritt‘, die Transformation in das nächste Lebensalter  bzw. die nächste Daseinsform. Farbsymbolisch stünde dann vielleicht Rot für das ‚pralle‘ Leben und Blau, besonders bei der „Andra“ für den nahenden Tod.

 

Das von Bossard oben angesprochene Bild, „Der gelbe Viergewalt“, als Manifestation der kosmischen Urkräfte, könnte deshalb als Ergänzung zu der Dreiergruppe gedacht werden – die Einbindung des Menschen in die kosmischen Zusammenhänge. Barbara Djassemi

 

 

Bilder: Maja (oben), Andra (links), Rida (rechts)

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