Johann Bossard: Martin Luther

aus der Galerie der Geistesgrößen, Musikzimmer, 1921/22

Johann Bossard gestaltet 1921 und 1922 das Musikzimmer als ersten Raum in seinem Wohn- und Atelierhaus künstlerisch aus. Er malt ein Bildprogramm, das Wände und Decke komplett ausfüllt. In die malerische Gestaltung bezieht er sogar die Fenster, die Möbel und das Klavier mit ein. An der Ost- und Westwand porträtiert er auf einer hölzernen Wandverkleidung, ähnlich einer Gemäldegalerie, Geistesgrößen. Eine Gemäldegalerie diente im fürstlichen Kontext als eigenständiger (Durchgangs-)Raum zur Zuschaustellung von Ahnenporträts. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, dass Bossard die Dargestellten besonders schätzte und sie als Vorbilder beziehungsweise Ahnen für sein künstlerisches Streben, ein Gesamtkunstwerk in der Heide zu schaffen, ansah. Es ist dort unter anderem der Reformator Martin Luther (1483–1546) zu entdecken. Der Augustinermönch veröffentlichte am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen wider den Ablasshandel. Der Thesenanschlag an die Pforte der Schlosskirche in Wittenberg ist historisch umstritten. Sie steht aber bis heute für den Beginn der Reformation, deren 500. Jubiläum dieses Jahr vielerorts gefeiert wird.

Luther ist als Ganzkörperporträt frontal in einem Gewand dargestellt, das an einen Habit, die Tracht einer Ordensgemeinschaft, angelehnt ist. Aus stechenden Augen blickt er streng auf den Betrachter. Sein eckiges Gesicht und breiter Kiefer unterstreichen diese Wirkung noch. Luther hält seine rechte Hand vor der Brust. Der Standort des Reformators ist nicht genauer zu bestimmen. Die Formsprache und die Farbgebung sind zu abstrahiert. Bossard malte in seiner typischen schnellen Malweise mit kurzen Pinselstriche und einem pastosen Farbauftrag. Der Renaissance Maler Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553) und seine Werkstatt in Wittenberg prägten mit ihren Porträts des befreundeten Luthers unser heutiges Bild des Reformators, an das Bossards Darstellung nur entfernt erinnert.

Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche wird zur Grundlage der neuhochdeutschen Schriftsprache und beeinflusst die Entwicklung der deutschen Sprache wie kein anderes Buch. So gilt die Bibelübersetzung neben den kirchlichen Reformen als Haupterbe des Reformators. Vor diesem Hintergrund reiht sich Luther in die Reihe der historisch und kulturell einflussreichen Geistesgrößen, die Bossard im Musikzimmer porträtierte, ein.

Er malt als weitere bedeutende Persönlichkeit der Literatur und Sprachentwicklung Dante Alighieri (vermutl. 1265–1321) im Seitenprofil auf der gleichen Wand. Dieser überwand mit der Göttlichen Komödie (1307–1321) das bis dahin die europäische Schriftsprache dominierende Latein und führte das Italienische zu einer Literatursprache. Auch die Darstellung eines Papstes oder Bischofs auf der ‚Galerie‘ neben Dante lässt sich in Beziehung mit Luther setzten und nach Aussagen von Zeitgenossen Bossards als Darstellung Julius II. (Guiliano della Rovere 1443–1513, ab 1503 Papst) deuten. Dieser Papst beauftragt unter anderem Michelangelo Buonarotti mit der Bemalung der Decke der Sixtinischen Kapelle und mit seinem Grabmal sowie Donato Bramante mit dem Neubau von Sankt Peter. Zur Finanzierung seiner Kunst- und Bauprojekte trug er mit dem Verkauf von Ablassbriefen (zur Erlassung der Sünden) maßgeblich zum Ausbruch der Reformation bei. Als Gegenspieler Luthers entspricht diese Deutung Bossards häufiger Darstellung von Gegensatzpaaren in seiner Kunst.

Das Musikzimmer ist bis Ende Oktober von Mittwoch bis Sonntag um 14 Uhr in geführten Besichtigungen zugänglich.

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