Johann Bossard: Das Leben, 1905 (JB 3970)

Durch verschiedene lukrative Verkäufe seiner Arbeiten, unter anderem dem lebensgroßen Skulpturenschmuck für das Grabmal der Familie Francke in Berlin, war es Johann Bossard 1905 möglich, eine einjährige Studienreise nach Italien zu unternehmen. Dort wollte er sich an den bekannten Kunstwerken des Landes weiterbilden und damit seine frühe Meisterschaft in Kleinbronzen vervollkommnen.

 

In Rom nahm sich der Künstler ein Atelier. Es folgte eine schöpferische Zeit. Am Ende seines Romaufenthalts schickte Bossard insgesamt 23 Kisten mit Gipsmodellen nach Berlin. Um die hohen Transportkosten von über 1.000 Mark bezahlen zu können, arbeitete der Künstler vier Monate als Gelegenheitsarbeiter in einer Werkstatt.

 

Das Hauptwerk, das in Italien entstand, war die in Gips gearbeitete Monumentalfigurengruppe Das Leben. Im Zentrum stehen sich zwei überlebensgroße Figuren gegenüber. Ein Mann und eine Frau halten sich mit ausgestreckten Armen gegenseitig fest. Zwischen beiden ist Bossards symbolischer „Sternenhimmel“ in einem Relief dargestellt. Dieser verweist auf das Eingebundensein des Menschen in kosmischen Zusammenhängen. Auf beiden Seiten dieses ‚starren Vorhangs‘ kniet bzw. sitzt je ein junges Paar: einmal hält eine Frau den zurücksinkenden Mann, das andere Mal verharren Mann und Frau in einer innigen Umarmung. Diese Szenen symbolisieren das Werden und Vergehen – einer der wichtigen, sich stetig wiederholenden Themenkreise in Bossards Werk. Die Gruppe steht auf einem Steinzylinder, der auf der untersten vorspringenden Stufe zudem von vier Maskenköpfen umgeben und dadurch akzentuiert wird.

 

Um der Plastik optisch die Wirkung von Bronze, glasierter Keramik und Stein zu geben, bemalte Bossard sein Gipsmodell in den Farben der geplanten Ausführungsmaterialien. Der Künstler plante die stehenden Figuren später in Bronze, die Seitengruppen in Keramik und den Unterbau mit den vier Masken in Stein zu fertigen. Technisch, aber auch preislich wäre die Umsetzung eine große Herausforderung gewesen. Johann Bossard soll diese Arbeit dem Holzhändler Max Francke, dem oben genannten Auftraggeber des Mausoleums, für dessen Grundstück in Berlin-Grunewald angeboten haben. Der von Bossard geforderte Preis von 40.000 Goldmark überraschte Francke jedoch sehr. Nicht nur kam der Auftrag nicht zustande auch das freundschaftliche Verhältnis mit dem Holzhändler zerbrach infolgedessen.

 

Die Fragmente des Gipsmodells lagerte Bossard dauerhaft in einem offenen Holzschuppen an der Kunststätte, ohne sie jemals wieder zusammenzufügen, geschweige denn – wie zeitweise geplant – sie nördlich des Kunsttempels aufzustellen. Heute sind nur noch wenige Teile der Monumentalgruppe erhalten. Sie werden im Schaumagazin der Kunststätte Bossard aufbewahrt und auch bei Führungen gezeigt. Barbara Djassemi

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