Johann Bossard: Entwurf für den Fußboden des Kunsttempels (JB 0505)

In seiner „Werbeschrift an meine Freunde“ formulierte Johann Bossard im Jahr 1925, der Kunsttempel solle „[d]en Heidewanderern, den sehnsüchtigen, jungen Menschen der Grossstadt (…) eine schönheitliche Quelle, eine Stätte innerer Einkehr“ sein. Die Kunst sollte hier Antworten auf entscheidende Lebensfragen bereithalten. Ein Besuch des Kunsttempels zielte auf die moralische Stärkung der Besucher ab und vermittelte wichtige Impulse für eine bessere Lebensgestaltung.

 

Nicht nur die mobilen Elemente des Kunsttempels, wie die drei Bilderzyklen oder das Bilderbuch, sondern auch die feste Raumausstattung mit den plastisch geformten Säulen, den bemalten Fenstern, der farbigen Glasdecke und dem Mosaikboden wurden von Johann Bossard bedeutungstragend innerhalb des gesamtkünstlerisch gestalteten Bauwerks angelegt.

Den Mosaikboden führten Jutta und Johann Bossard 1932 gemeinsam aus. In der Biografie Jutta Bossards hielt Susanne Harth fest: „Jeder saß in einer anderen Ecke, dem Schaffen ergeben“ und sie arbeiteten „von dem gemeinsamen Ziel beseelt und erfüllt von der gemeinschaftlichen Aufgabe, ohne daß eine Absprache notwendig gewesen wäre (…).“

 

Zuvor fertigte Johann Bossard eine detaillierte Vorzeichnung in Pastellkreide an. Bis auf wenige Änderungen entspricht sie der späteren Ausführung. Der Fußboden des quadratischen Hauptraums besteht aus 36 gleich großen, vielfarbigen kleineren Quadraten. Sie sind zu gleicher Anzahl waagerecht und senkrecht angeordnet (sechs mal sechs) und in ihren inneren Begrenzungen mit einem Streifen aus schwarzen Fliesen gerahmt bzw. voneinander getrennt. Die 20 äußeren, an den Wänden entlanglaufenden Quadrate unterscheiden sich von den zwischen den vier Säulen gelegten 16 inneren in ihrer Gestaltung. Sie sind – bis auf die Eckbereiche – je mit einem größeren und einem kleineren gestuften spitzwinkligen Dreieck gefüllt. Dies ist optisch allerdings nicht auf Anhieb zu erkennen. Die vier quadratischen Flächen in den Ecken hinter den Säulen setzen sich hingegen farblich stark von dem übrigen Boden ab. Sie zeigen zwei unterschiedliche schwarze Kreuze auf ziegelrotem Untergrund, die diagonal im Raum angeordnet sind: in der Südost- und der Nordwestecke je ein griechisches Kreuz und in der Südwest- und Nordostecke ein Andreaskreuz.

 

In den vier zentralen Quadraten der Fußbodenfläche sind noch vier weitere kleinere Quadrate zu identifizieren; sie unterbrechen durch ihre im Schachbrettmuster angelegte Gestaltung die um sie herum scheinbar willkürlich und chaotisch gelegten Fliesen. Im Entwurf noch nicht enthalten, nehmen diese vier Quadrate mit kleinen griechischen Kreuzen im Zentrum noch einmal die Grundfläche des Kunsttempels in kleinem Ausmaß auf. Zwei jeweils farblich gleiche Kreuze liegen sich dabei auch diagonal gegenüber. Sie umschließen den Punkt, in dem sich die Diagonalen schneiden und den Mittelpunkt des Raumes bilden.

 

Offensichtlich ging es Johann Bossard darum, diese Stelle hervorzuheben. So wird der in den Kunsttempel Eintretende geradezu zu diesem Bereich hingezogen. Das Symbol des Kreuzes stellt in verschiedenen Religionen das universale Verbindungsglied zwischen Himmel und Erde, Gott und den Menschen dar. Hier im Schnittpunkt des Kreuzes stehend, erhält der „Suchende“ metaphorisch den Impuls des göttlichen Funkens und ist bereit, das den ewigen Kreislauf und den Dualismus der Welt widerspiegelnde Raumprogramm zu erfassen und sich dadurch läutern zu lassen. Barbara Djassemi

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