Johann Bossard: Traubenmädel, o.J. (um 1900/1906)

Die Kleinbronze zeigt ein etwa dreijähriges, stehendes Mädchen, das die Betrachterinnen und Betrachter anlächelt. Mit dem linken Arm drückt es eine Rispe Weintrauben an die Brust; die Rechte streckt einige Trauben einladend nach vorne.

1906 stellte Johann Bossard eine Gruppe Kleinplastiken im Berliner Kunstsalon Keller & Reiner aus, unter anderem das auch das lächelnde Mädchen mit den Weintrauben, genannt Traubenmädel. Heitere, unverfängliche Darstellungen von Kindern waren in der Wilhelminischen Zeit besonders beliebt. Außerdem folgte der Kinderakt dem künstlerischen Ideal der Antike und damit dem etablierten Kunstgeschmack der Zeit. Damit hatte das Traubenmädel gute Chancen, ein Publikumsliebling zu werden, und wurde tatsächlich von Kunstkritikern besonders hervorgehoben. Ein Rezensent des Berliner Tageblatts (30.9.1906) lobte das Traubenmädel: „Hier fesseln die Wahrheit der Erscheinung und der liebenswürdige Reiz der Form.“ Andere Journalisten lobten den „liebenswürdigen Humor“ von Bossards Kleinplastiken (Deutsche Zeitung, 7.10.1906).

Die auf den Zeitgeschmack abgestimmten Kleinplastiken verkauften sich nicht nur gut, sie bahnten Johann Bossard auch den Weg zu gesellschaftlicher Anerkennung und finanzieller Absicherung. Sie waren der Grund dafür, dass Johann Bossard 1907 als Lehrer für Bildhauerei nach Berlin an die Staatliche Kunstgewerbeschule berufen wurde. Außerdem kam Johann Bossard durch die Kleinplastiken zu einem weiteren, prestigeträchtigen Auftrag: Er wirkte 1907 an der Innenausstattung des legendären Hotels Adlon mit, dem ersten Haus einer neuen Luxusklasse im Deutschen Reich. Bossard schuf drei Reliefs für den Speisesaal, die essende, trinkende und musizierende Kinder zeigten, und gestaltete einen Wandbrunnen mit Kinderfiguren mit Weintrauben. Der Auftrag war mit 5.000 Reichsmark außerordentlich gut bezahlt.

Johann Bossard: Traubenmädel, o.J. (um 1900/1906), Bronze, 39,5 x 15 x 15 cm, Inv.-Nr. JB 722

Foto: Christoph Irrgang, Hamburg

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