Jutta Bossard: Figurativer Kerzenleuchter des Apothekers Meinecke (JB 2018)

Apotheker Theodor Meinecke. Bild: Rosemarie Schmidt

Diese keramische Einzelarbeit Jutta Bossards mit ihrer rotbraunen Glasur ist ein Kuriosum an der Kunststätte. Als Gebrauchsgegenstand stellt sie einen Kerzenleuchter dar, als Plastik ist sie eine männliche Figur. Auffallend ist der dreiteilige, statische Aufbau: Zuunterst, wie ein wulstiger Henkel, stehen die krummen Beine, darauf Torso und Kopf – fast gleich groß – besonders von hinten wird der Eindruck von zwei aufeinander gestapelten Äpfeln erweckt.

Jutta Bossard reduziert hier die Formen; betont lediglich, was wichtig ist. Der Kopf ist nur Gesicht, ohne Stirn und Ohren. Eng zusammenstehend sind Augenbrauen, Augen, Nase und Mund, ein angedeuteter Vatermörder-Kragen und gefaltete Hände.

Zwar existieren von der Bildhauerin und Keramikerin noch andere Arbeiten, die eine ungewöhnliche Verbindung aus gegenständlicher Form und praktischer Funktion eingehen, jedoch haben wir es bei dieser Kerzenleuchter-Plastik mit der Karikatur einer realen Person zu tun – mit der des Apothekers Theodor Meinecke (1899–1931) aus Winsen.

Theodor Meinecke war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein bekannter und wichtiger Mann in Winsen und Umgebung. Wie schon sein Vater, der auch Apotheker war, mischte und verkaufte er für die damals im Norden Niedersachsens bekannte Naturheilkunde-Legende Philipp Heinrich Ast, kurz Schäfer Ast, Arzneien. Zur Alten Rats-Apotheke in Winsen, die es auch heute noch gibt, pilgerten von überall her Tausende von Patienten, um sich die von Ast verschriebenen Medikamente abzuholen. (Selbst Johann Bossard ließ sich nach dem Ersten Weltkrieg von Ast erfolgreich wegen einer Bartflechte behandeln.)

Meinecke war bei den Winsener Schützen 1937 sogar Schützenkönig und nach Aussage von Jutta Bossard auch im Kulturausschuss der Stadt Winsen tätig. Er soll sich gegen Jutta Bossard als Künstlerin für ein Winsener Denkmal ausgesprochen haben und sei – ihrer Aussage nach – immer so „erhaben und unnahbar“ gewesen. Ihrer Verärgerung über die Absage machte Jutta Bossard kurzerhand auf künstlerische und humorvolle Art und Weise Luft, indem sie seine für sie charakteristischen Merkmale überspitzt zum Ausdruck brachte. Barbara Djassemi

 

   

 

Der Kerzenleuchter in Vorder- und Rückansicht. Bild: Kunststätte Bossard

 

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