Johann Bossard: Danaide, um 1900/1906

Bronze, 34 x 30 x 24 cm

Im Kunstsalon Keller & Reiner in Berlin stellte Johann Michael Bossard 1906, der zu dieser Zeit seit 1897 in der Hauptstadt des wilhelminischen Kaiserreichs lebte, eine Auswahl seines bisherigen künstlerischen Schaffens aus. Der Künstler zeigte neben Druckgrafiken, Zeichnungen, einem Altargemälde und dem Modell seiner Monumentalplastik Das Leben eine Gruppe von Kleinbronzen. Es waren gerade die Kleinbronzen, die Bossard erste Erfolge bei Kritikern und Publikum einbrachten. Die Tägliche Rundschau schrieb über die Kleinplastiken: „[I]n diesen Sachen scheint Bossard ein weit größerer Künstler als in seinen gewollten Monumentalitäten und Abgründigkeiten.“

Die Danaide (Reue) gehört zu der Gruppe ausgestellter, öffentlich gepriesener Kleinbronzen. Der Titel bezieht sich auf eine Episode aus dem griechischen Mythos. Die Danaiden waren die fünfzig Töchter des Königs Danaos, dem König von Libyen und Ahnherr der Griechen. Bis auf eine ermordeten sie auf Befehl des Vaters in der Hochzeitsnacht ihre Ehemänner, die Söhne des Zwillingsbruders des Vaters. Zur Strafe mussten sie in der Unterwelt ständig Wasser in ein durchlöchertes Fass schöpfen.

Eine einzelne Danaide hockt – das linke Bein eingezogen und das rechte Bein angewinkelt – auf einem Steinsockel. Zusätzlich auf ihren rechten Arm abgestützt, vergräbt die junge Frau das Gesicht in der linken Armbeuge. Das Haar fällt über ihren Kopf hinab und verbirgt das Gesicht völlig. Die Haltung des Körpers, noch verstärkt durch die Anonymität der Dargestellten, verbildlicht das menschliche Gefühl der Reue und Verzweiflung über eine vergangene Tat.

Bossard konnte sich noch ein Jahr zuvor während einer Studienreise nach Italien an antiken Werken schulen und orientierte sich, angelehnt an Werken von Adolf von Hildebrand (1847-1921), am Stil des Neoklassizismus. Ein Stil, der Anfang des 20. Jahrhunderts noch einmal Ideen der griechischen und römischen Antike, des Barock, des Klassizismus und klassizistische Elemente der Renaissance aufnahm. Das mythologische Thema bot dem Künstler die Vorlage für eine weibliche Aktdarstellung und für eine große Geste, mit der er sein handwerkliches Können zur Schau stellen konnte. Mit der klaren, reduzierten Form und der glatten Oberflächenbeschaffenheit, die auch die Plastiken des zeitgenössischen Bildhauer Hildebrand auszeichnet, traf Bossard den Zeitgeschmack.

Als Alternative zu größer dimensionierten Skulpturen richtete sich die Kleinplastik im wilhelminischen Deutschland vor allem an private Sammler und Liebhaber aus dem großbürgerlichen Kreisen, die diese zur repräsentativen Ausschmückung der Wohnungseinrichtung erwarben. Eine Tatsache, die Bossard gewiss im Hinterkopf hatte, als er sich auf das Schaffen von Kleinbronzen im Neoklassizistischen Still konzentrierte. 1906 war ein Jahr, in dem er seine Karriere überlegt und engagiert vorantrieb. Neben der Beteiligung an Ausstellungen nahm er an aktuellen Ausschreibungen teil und nahm als gebürtiger Schweizer sogar die preußische Staatsbürgerschaft an.

Die Kleinbronze Danaide steht heute auf einer Fensterbank in der Wohndiele des Wohn- und Atelierhauses. Interessierte Besucher können von Mittwoch bis Sonntag immer um 14 Uhr an einer Besichtigung des Wohnhauses teilnehmen.

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